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Sabina KleinSabina Klein

Sabina Klein

Sabina Klein, geboren in Hannover, von Beruf Dipl.-Sozialpädagogin, arbeitet freiberuflich als Bildungsreferentin mit Schwerpunkt Frühpädagogik, lebt in Kassel und engagiert sich seit über 8 Jahren als KID-Helferin im Kriseninterventionsteam. Sie ist verheiratet, hat 7 Kinder, der jüngste ist 16 Jahre alt. Hobbys: Sie treibt Sport, liest viel und reist gerne. 

Was konkret ist Krisenintervention und was ist Ihre Aufgabe im KID-Team?

Der Kriseninterventionsdienst hilft Menschen in akuten Krisensituationen, z. B. wenn plötzlich und unerwartet ein naher Angehöriger stirbt. Wir betreuen aber auch Unfallzeugen und Unfallbeteiligte, wie z. B. Straßenbahn- oder Busfahrer nach einem schweren Verkehrsunfall. Auch Rettungskräfte nach einem schweren und belastenden Einsatz können Hilfe vom Kriseninterventionsdienst bekommen. 

Ich hatte aber auch schon den Fall, dass ein ganz junger Mann in Ausübung seines Berufs als Notfallsanitäter Patienten mit sehr schweren Verbrennungen versorgen musste. Das hat er auch professionell gemacht. Tage später hat er diese dramatische Rettungsaktion am Unfallort immer und immer wieder in Gedanken durchlebt. Er war nicht in der Lage das Erlebte zu verarbeiten. Das passiert auch dann häufig, wenn freiwillige Feuerwehren oder Menschen, die eben nicht so häufig mit schweren Einsätzen zu tun haben, zu einem Notfall gerufen werden. Sie agieren im ersten Moment aktiv und brechen nach dem Hilfseinsatz zusammen. Sie brauchen dann Hilfe und Unterstützung. In dem Moment sind wir gefragt. 

Gibt es Einsätze, die Ihnen besonders in Gedächtnis geblieben sind?

Über die Jahre habe ich viele Menschen begleitet und ja, es gibt immer wieder Situationen, die mir in Erinnerung bleiben. Häufig ist das der Fall, wenn Kinder betroffen sind. Wenn die Mutter eines kleinen Kindes bei einem Unfall ums Leben kommt oder ein Kind stirbt, das sind Schicksalsschläge, die auch ich nicht vergessen kann.

Was tun Sie als erstes, wenn Sie an einen Einsatzort kommen?

Erst einmal verschaffe ich mir vor Ort einen Überblick und gehe dann aktiv auf die Betroffenen zu. "Guten Tag! Mein Name ist Sabina Klein. Ich bin jetzt für Sie da!"
So oder so ähnlich beginne ich jedes Mal.

Nachdem wir uns vorgestellt haben, versuchen wir ein Gespräch zu eröffnen: "Ihnen ist heute etwas ganz Furchtbares passiert. Wollen Sie mir davon erzählen?" Das Sprechen über das häufig Unsagbare ist ein erster wichtiger Schritt.

Arbeiten Sie im Team oder allein?

Wir gehen nie allein in den Einsatz. Wir arbeiten immer zu zweit – dabei spielt Eigenschutz eine Rolle und dass häufig sehr viel Organisatorisches zu regeln ist. Da geht es um aktives Zuhören aber auch darum, Verwandte und Freunde zu kontaktieren, Hausärzte, den Pfarrer oder auch die Nachbarin. Da ist es schon gut, wenn sich einer ganz auf das Gespräch konzentrieren kann und der Teampartner das Organisatorische regelt.

Sie erleben regelmäßig Extremsituationen. Wie lernt man, damit umzugehen?

Professionelle Distanz zu wahren, ist notwendig für uns. In Supervisionen und Teambesprechungen tauschen wir uns im gesamten Team intensiv über das Geschehene aus. Direkt nach einem Einsatz macht das jeweilige Team eine Einsatznachbesprechung, das ist wichtig.

Gibt es eine Verbindung zwischen Ihren hauptamtlichen Beruf und ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit im Kriseninterventionsteam?

Natürlich profitiere ich vom Studium der Sozialen Arbeit. Aber bei uns im KID-Team arbeiten Menschen mit ganz unterschiedlichen beruflichen Hintergründen. Man kann im Beruf durchaus Techniker/in oder Soldat/in sein oder bei einer Versicherung arbeiten. Alles was man können und wissen muss, um im Kriseninterventionsteam zu arbeiten, lernt man in der Ausbildung zum Kriseninterventionshelfer.

Warum engagieren Sie sich im KID-Team und helfen Menschen in Ausnahmesituationen?

Es ist eine sehr erfüllende Aufgabe und genau so eine Aufgabe habe ich für mich gesucht. Mir war es wichtig, eine sinnvolle und anspruchsvolle Aufgabe zu finden. Ich komme schließlich aus der Sozialen Arbeit und das wollte ich für ein ehrenamtliches Engagement nutzen. KID-Helferin – das passt zu mir!

Kann man Menschen in Krisensituationen helfen?

Ja, wir können Menschen in Ausnahmesituationen helfen! Extremsituationen können intensive Gefühle auslösen. Die betroffenen Menschen sind häufig nicht in der Lage die Ereignisse vollständig zu verarbeiten. In der Folge kann es zu sog. posttraumatischen Belastungsstörungen kommen. Die negativen Emotionen, die mit dem Trauma-Ereignis verbunden sind, können unkontrolliert in den Alltag eindringen, sei es als sogenannte Flashbacks, als nächtliche Albträume oder als dauernd emotionale Erregung. Es ist bewiesen, dass eine frühe Betreuung durch KID-Helfer eine posttraumatische Belastungsstörung verhindern können. 

Die Menschen sind im ersten Moment häufig ganz allein. Wir sind dann einfach nur da – das hilft schon. Eben nicht mehr allein sein. Wir planen dann ganz vorsichtig erste weitere Schritte. Manchmal geht es nur darum mal ein Glas Wasser zu trinken. Wir suchen gemeinsam nach Freunden, die jetzt helfen können. Wenn einem Menschen der Boden unter den Füßen weggerissen wird, versuchen wir etwas Halt zu geben. 

Wann endet Ihre Hilfeleistung?

Wir kommen nur einmal, und zwar immer im Moment der akuten Krise. Ein Einsatz kann zwei Stunden dauern oder auch fünf Stunden. Das kann man nie vorher wissen.

Kann man lernen anderen Menschen in Ausnahmesituationen zu helfen?

Ja, wer sich für die Arbeit als KID-Helfer interessiert wird frühzeitig ins Team eingebunden und nimmt an Supervisionen und Teamsitzungen teil. Dabei kann man ganz viel lernen. In den Einsatz geht man dann aber erst nach der fachlichen Ausbildung und dann auch immer im Team mit einem langjährig erfahrenen Mitarbeiter. 

Man kann vieles lernen und trotzdem, was muss man mitbringen für ein solches Ehrenamt?

Einfühlungsvermögen, Geduld und die Bereitschaft, sich auf ganz verschiedene Menschen einzulassen. Man muss wissen, dass jeder Mensch in emotionalen Ausnahmesituationen anders reagiert. Manche sind wütend, andere verzweifelt bis hin zur Selbstgefährdung. Wir müssen die individuelle Situation akzeptieren, wie sie ist – auch sehr schwierige Situationen.

Was motiviert Sie stets aufs Neue?

Menschen in einer der schwersten Situationen ihres Lebens beistehen zu können, ist eine sinnvolle und erfüllende Aufgabe und mein Motiv für mein soziales Engagement.


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